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Einleitendes Plenum

Globalisierung, Terrorismus und der Teufelskreis der Gewalt

Vortrag von Vandana Shiva

Terror ist zum Codewort unser Zeit geworden. Wir leben in Angst und Terror. Terror, erzeugt durch die Übernahme unserer Ökonomien, Ressourcen und Leben durch Konzerne. Terror erzeugt durch frustrierte, zornige junge Männer, Terroristen genannt, die die Instrumente und die Logik eines Terrorsystems nutzen, um es zu zerstören, es in Wirklichkeit jedoch verstärken. Terror, erzeugt durch Polizeistaaten, die alle friedensliebenden und demokratischen Bürger zu "Terroristen" machen, weil sich diese Staaten selbst zu konzerngeleiteten Staaten gewandelt haben, die ihre vorrangige Aufgabe in der Verteidigung korrupter und raffgieriger Konzerne und ihrer illegitimen Rechte, nicht aber im Schutz ihrer Bürger und den legitimen Rechten der Bevölkerung sehen.

Terror ist zum Codewort unser Zeit geworden. Wir leben in Angst und Terror. Terror, erzeugt durch die Übernahme unserer Ökonomien, Ressourcen und Leben durch Konzerne. Terror erzeugt durch frustrierte, zornige junge Männer, Terroristen genannt, die die Instrumente und die Logik eines Terrorsystems nutzen, um es zu zerstören, es in Wirklichkeit jedoch verstärken. Terror, erzeugt durch Polizeistaaten, die alle friedensliebenden und demokratischen Bürger zu "Terroristen" machen, weil sich diese Staaten selbst zu konzerngeleiteten Staaten gewandelt haben, die ihre vorrangige Aufgabe in der Verteidigung korrupter und raffgieriger Konzerne und ihrer illegitimen Rechte, nicht aber im Schutz ihrer Bürger und den legitimen Rechten der Bevölkerung sehen.


Noch vor wenigen Jahren erzählten uns die "Weisen" der konzernorientierten Globalisierung, dass die Globalisierung uns eine Ära des Wohlstands und Friedens bescheren würde. Statt dessen wurden wir in einen Zustand noch nie da gewesener Armut und Gewalt geworfen, in dem der ökonomische Terrorismus der Globalisierung der Konzerne, der politische Terrorismus faschistischer konzerngeleiteter Polizeistaaten und der kulturelle Terrorismus des Fundamentalismus und Extremismus einander ernähren und einen Teufelskreis von Gewalt, Ungerechtigkeit, fehlender Nachhaltigkeit und Angst erzeugen.


Ich möchte dazu beitragen zu verstehen, wie diese Teufelskreise entstehen und wie wir positive Spiralen von Frieden, Hoffnung, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in Gang setzen können.


Der "Krieg gegen den Terror", der als Antwort auf den 11. September erklärt wurde, sollte terroristische Anschläge stoppen. Statt dessen ist der Terrorismus weltweit angestiegen. Bali und Moskau, Mombasa - jeden Tag gibt es neue Nachrichten von neuen 11. Septembern. Und kleinere 11. September sind zur Routine geworden.


Indien, das zwei Premierminister durch Terrorismus verloren hat, erlebt seit dem 11. September eine Zunahme terroristischer Anschläge.
Mehr als eine Millionen Soldaten wurden an der Grenze zu Pakistan stationiert, nachdem Terroristen am 31. Dezember 2001 das indische Parlament angriffen. Dreizehn Menschen, darunter fünf Terroristen, wurden bei dem Anschlag getötet.
Davor, am 1. Oktober 2001 wurden in Kaluchak bei Jammu 30 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, von Terroristen getötet. Die Polizei tötete die Angreifer.


Am 27. Februar 2002 starben 57 Hindu Aktivisten bei ihrer Rückkehr vom umstrittenen Ayodhya Tempel, als der Zugwagon, in dem sie fuhren, am Godhra Bahnhof in Gujarat in Brand gesetzt wurde.
In den darauffolgenden Tagen wurden in Gujarat über 2000 Muslime bei Racheakten brutal getötet. Das Töten geht weiter.
Am 24. September 2002 stürmten zwei Terroristen ins Akshardham, den Swaminarain Tempel in Gandhinagar, der Hauptstadt von Gujarat. 29 Menschen, darunter vier Kinder und das Sicherheitspersonal wurden getötet. Daraufhin wurden alle Tempel in Indien unter strikte Sicherheitskontrollen gestellt.


Am 3. November 2002, dem Vorabend des indischen Lichtfestes, das den Sieg von Ram über Ravana in der indischen Sage Ramayana feiert, wurden in der indischen Hauptstadt zwei Terroristen bei einem Kampf in der Ansal Plaza, dem größten der neuen Einkaufszentren, getötet.
Am 22. November 2002 töteten Selbstmordattentäter sechs Sicherheitsbeamte und verletzten neun weitere in einer Station der Polizeireservekräfte in Srinagar.


Am 24. November 2002 griffen Militante den Raghunath Tempel in Jammu an und töteten neun Menschen und verletzten 42. Ein weiterer Terroranschlag wurde gleichzeitig am Shivalaya Mandir, wenige hundert Meter vom Raghunath Tempel, verübt.
Wie konnte es soweit kommen, dass das Land von Buddha, Mahavir und Gandhi zum "gefährlichsten Platz der Welt" deklariert wird? Wie konnte die Wiege von Glaubensrichtungen, die auf Mitgefühl, Integration und Frieden beruhen, zum Land des Hasses, der Ausgrenzung und eines potentiellen Atomkriegs werden? Wie konnte eine auf Diversität basierende Zivilisation zu militarisierten Monokulturen mutieren?


Es gibt keine eindimensionalen Erklärungen für diese tektonischen Transformationen. Aber drei Formen der Gewalt sind auf dem indischen Subkontinent zeitlich und räumlich zusammengetroffen: die Gewalt der Globalisierung, die Gewalt des globalen Krieges und die Gewalt, die durch die Politik der fragmentierten und fundamentalistischen Identitäten entfesselt wird. Die Globalisierung schafft in dem Maße, wie nationale Souveränität und ökonomische Demokratie zerstört werden, global geformte, enge nationalistische Identitäten. Fundamentalismus und Terrorismus sind die andere Seite der Medaille der Globalisierung. Der Ausbruch der Gewalt in Indien, dem Land des Friedens, ist das Produkt einer tödlichen Mischung aus Freihandel und Globalisierung, der daraus resultierenden Verarmung und Verwundbarkeit der einfachen Leute, dem Tod der ökonomischen Demokratie und dem Aufstieg einer fragmentierenden Politik, die auf fundamentalistischen Ideologien basiert, die beide sich von der Unsicherheit der Menschen speisen und politische Energien weglenken vom Streben nach Gerechtigkeit, Deckung der Grundbedürfnisse und Gleichheit, hin zur Politik des Hasses und des Krieges.
Der globale Krieg gegen den Terror, der seit dem 11. September vor dem ideologischen Hintergrund von "Kreuzzügen" und dem "Kampf der Kulturen" entfesselt wird, hat ebenfalls zur Verbreitung des Hassvirus' beigetragen. Gewalt, Krieg und Genozid werden zur Norm gemacht und die Globalisierung der Konzerne wird durch die Globalisierung des Faschismus gefördert. Die fundamentalistische Hindutva fand im globalen Krieg gegen den Terror Unterstützung für ihr Bestreben, Muslime als den "Feind" zu definieren. In den Worten des Generalsekretärs der VHP: "Es ist notwendig für Indien, die Juden und die westliche Welt, zusammen zu kommen und die islamischen Militanten zu bekämpfen." Diese Konstruktion schließt Muslime aus ihrer indischen Heimat aus und behandelt sie kollektiv als potentielle Terroristen.


Der 11. September und die Reaktionen auf ihn haben die Konturen der indischen Politik und Kultur umgeformt. Sie haben das Aufkommen neuer faschistischer Tendenzen erlaubt, ermutigt durch den globalen Anti-Terrorkrieg und die Kriminalisierung aller Muslime.
Verschiedene Stränge des Terrorismus leben voneinander und formen einen Teufelskreis der Gewalt. Die dominanten Formen dieser sich gegenseitig verstärkenden Arten von Terrorismus sind:
1. Der ökonomische Terrorismus der Globalisierung der Konzerne und die Handelsliberalisierung.
2. Der kulturelle Terrorismus der Ausgeschlossenen und des aus wirtschaftlicher Unsicherheit und mutierenden kulturellen Identitäten geborenen Extremismus.
3. Der politische Terrorismus von Staaten, die die Globalisierung unterstützen und den Fundamentalismus fördern.
"Globalisierung" und "Terrorismus" sind bestimmende Begriffe unserer Zeit. Sie werden für gewöhnlich als voneinander unabhängige Phänomene behandelt, sind jedoch auf vielen Ebenen eng miteinander verbunden. Sie verstärken einander und erschaffen Teufelskreise.

1. Globalisierung als ökonomischer Terrorismus
Zu terrorisieren heißt, jemanden mit Furcht und Terror zu erfüllen, jemanden durch Drohungen oder Gewalt zu etwas zu zwingen. Terrorismus ist der systematische Gebrauch von Terror als Zwangsmittel.
Globalisierung in der Form von Zwangsregeln von Handel und Handelsliberalisierung, verkörpert in den strukturellen Anpassungen der Auflagen von Weltbank und IWF oder in den Regeln der WTO (Welthandelsorganisation), ist eindeutig eine Form des Terrorismus. Die finanziellen Auflagen der Weltbank und die Handelssanktionen der WTO sind der systematische Gebrauch von Terror gegen die Armen und die Dritte Welt um sie zu zwingen, das wenige, das sie haben, aufzugeben und in Eigentum und Märkte der globalen Konzerne zu verwandeln. Dieser Terrorismus ist besonders bösartig in den Bereichen lebenswichtiger Ressourcen, wie Artenvielfalt und Wasser und bei Grundbedürfnissen wie Nahrungsmitteln. In diesem Sinne ist Globalisierung eine Form von Genozid. Aber sie ist auch selbstmörderisch, wie sich an den Zusammenbrüchen von Enron, World com, Vivendi und anderen Unternehmen gezeigt hat.

2. Globalisierung als eine Quelle von Unsicherheit und Ausgrenzung, dem Kontext für den Anstieg des Terrorismus
Globalisierung ist ein Krieg gegen Menschen, besonders gegen die Armen. Anti-Globalisierungsbewegungen und Bewegungen für die Verteidigung des Rechts auf Lebensunterhalt und Grundbedürfnisse sind die demokratische und friedliche Antwort auf den Terror der Globalisierung. Diese Bewegungen sind auf Hoffnung gegründet - sie kämpfen für eine bessere Welt. Sie sind Bewegungen konzentriert auf wirtschaftliche Ungerechtigkeit und trachten danach, diese durch Demokratie zu korrigieren.
Aber die der Globalisierung immanente wirtschaftliche Ausgrenzung und Unsicherheit schafft auch ein Klima der Angst und Hoffnungslosigkeit, vor allem unter denjenigen, die nicht in der Lage sind, den Terrorismus der Globalisierung als die Wurzel ihrer Unsicherheit zu erkennen.
Die negative Ökonomie der Globalisierung erzeugt eine Kultur der Angst und Verzweifelung. Sie integriert Märkte weltweit, aber schließt Menschen von der Wirtschaft und aus demokratischen Entscheidungsprozessen aus.
Wirtschaftliche Ausgrenzung erzeugt politische, soziale und kulturelle Ausgrenzung und Unsicherheit. Ausgrenzung und Unsicherheit bereiten den fruchtbaren Boden für die Zucht von Extremismus, Terrorismus und Fundamentalismus. Sie sind die Kinder von Ökonomien, die ohne Rücksicht auf die Menschen aufgebaut wurden.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde ich Zeugin, wie Konflikte über Entwicklungen und natürliche Ressourcen zu kommunalen Konflikten mutierten, die sich bis zu Extremismus und Terrorismus steigerten. Mein Buch "Die Gewalt der Grünen Revolution" (Violence of the Green Revolution, 1991) war ein Versuch, die Ökologie des Terrorismus zu verstehen. "Die Ernte der Wut" (The Harvest of Rage) stellte ähnliche Verbindungen her zwischen dem Bombenanschlag in Oklahoma und der Bauernkrise in den USA, die fruchtbaren Grund schafft für extremistische und fundamentalistische Ideologien und Taten.

3. Globalisierung und der Anstieg fremdenfeindlicher fundamentalistischer Politik
Wenn Demokratie ihres ökonomischen Inhalts entleert wird und nationale Politik ihre wirtschaftliche Souveränität durch die Verlagerung wirtschaftlicher Macht und Entscheidungen aus den nationalen Grenzen heraus - zur Welthandelsorganisation, der Weltbank, dem IWF und global agierenden Konzernen - verliert, dann lebt die repräsentative Demokratie von einer Politik des Teilen und Herrschens auf der Grundlage von Ethnizität, Kasten und Religionen und fördert diese. Klassenfragen und wirtschaftliche Ungerechtigkeit verschwinden und werden ersetzt durch Identitätspolitik. Zentralisierte Wirtschaftssysteme erodieren zudem die demokratische Basis der Politik. In einer Demokratie ist die wirtschaftliche Agenda die politische Agenda. Wenn sich erstere jedoch die Weltbank, IWF und WTO aneignen, wird Demokratie dezimiert. Die einzigen Karten, die Politiker, die Stimmen gewinnen wollen, noch auf der Hand haben, sind die der ethnischen Zugehörigkeit und Religion, die dem Aufstieg des Fundamentalismus Vorschub leisten. Und Fundamentalismus füllt effektiv das Vakuum, das verwesende Demokratien hinterlassen. Wirtschaftliche Globalisierung erhöht wirtschaftliche Unsicherheit, erodiert kulturelle Vielfalt und Identität und greift die politischen Freiheiten von Bürgern an. Anstatt Menschen zu integrieren, zerreißt die Globalisierung der Konzerne Gemeinschaften.

4. Terrorismus und Fundamentalismus als eine Stütze der Globalisierung
Soziale und politische Polarisierung sind nützlich als Ablenkungsmanöver und Vernebelungsmechanismen für die Durchsetzung der Agenda der Globalisierung der Konzerne, gegen die es weltweit Widerstand und Rückschläge gibt. Tatsächlich existiert eine komfortable Partnerschaft zwischen den Unterstützern der Globalisierung und den Förderern der Politik des Hasses. Indem sie die Energie der Menschen von Fragen der Grundbedürfnisse und der ökonomischen Demokratie ablenken, helfen Fremdenfeindlichkeit und Kommunalismus ungerechte und ungleiche Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig wird der Aufstieg des Terrorismus genutzt, um die Agenda des Freihandels voranzutreiben. 1999 in Seattle brachten demokratische Kräfte die WTO zum Halten. Wir haben die WTO sogar in "World Terrorist Organisation" umbenannt. Aber die Attacken des 11. Septembers wurden genutzt, um eine versagende WTO wieder aufzurichten und ihre Macht noch zu vergrößern. Wie ein Repräsentant eines Drittweltlandes kommentierte:
"Der 11. September ist eine Tat, die von der ganzen Menschheit zu beklagen ist. Aber was noch viel größeren Anlass zum Bedauern gibt, sind die wirtschaftlichen Vorteile, die die industrialisierten Länder aus diesem Desaster gezogen haben. Ich würde sogar zu behaupten wagen, dass wenn es den 11. September nicht gegeben hätte, die Ministerialerklärung von Doha nicht einmal die Hälfte seiner Vorschriften enthalten hätte." (Ref.: Zitiert in A.Keva, "Power Politics in the WTO, Focus on the Global South, Bangkok, Nov. 2002, S. 11)
In Doha wurde Pakistan mit einem "eine Millionen Dollar und mehr"-Hilfspaket, das Pakistans Unterstützung der USA in Afghanistan belohnen sollte, zum Schweigen gebracht. Auch Indien wurde im letzten Moment mit dem Vorwurf zum Schweigen gebracht, dass die Opposition gegen eine neue Runde der Erweiterung der WTO-Befugnisse eine implizite Unterstützung des Terrorismus sei. Während Indien und Pakistan in Doha zum Schweigen gebracht wurden, wurden Gemeinschaften gespalten und im Subkontinent gegeneinander ausgespielt.
Während der schlimmsten Gewaltausbrüche seit der indischen Unabhängigkeit wurden sowohl genmanipuliertes Saatgut als auch ein neues Patentrecht zugelassen. Konzerne profitieren von der Globalisierung und an ihrem Fallout in Form von gesellschaftlicher Desintegration.
Das Homeland Security Act, wurde genutzt, um die Informations- und Biotechnologie-Industrie zu subventionieren und der pharmazeutischen Industrie Immunität zu verleihen.
In Indien wurde alle Anti-(demokratische Rechte einschränkende)Gesetzgebung in Schlüsselbereichen verabschiedet, als der gemeinschaftliche Wahnsinn seinen Höhepunkt hatte.

5. Politischer Terrorismus zur Verteidigung der Globalisierung
Die Verantwortlichen der Globalisierung der Konzerne versuchen zunehmend, abweichende Meinungen und Demokratie zu kriminalisieren, indem sie Bewegungen für Gerechtigkeit und Frieden mit "Terrorismus" identifizieren. Der Krieg gegen den Terror wird zum Krieg gegen Menschen, die den Terror der Globalisierung bekämpfen. 20 jungen Aktivisten der Anti-Globalisierungsbewegung wurden in Italien am 15. November 2002, einige Tage nach dem sehr erfolgreichen und völlig friedlichen Marsch von über einer Millionen Menschen beim Europäischen Sozialforum in Florenz, unter Verwendung alter Gesetze aus der Zeit des Faschismus, verhaftet. Dies ist ein Beispiel dafür, wie jeglicher demokratischer Protest gegen die undemokratische, brutale ökonomische Globalisierung kriminalisiert und als terroristisch abgestempelt wird. In der Sprache und Auffassung jener, die die Globalisierung der Konzerne unterstützen, ist die Verteidigung der Demokratie gleich Terrorismus. Das ist ein Rezept für Faschismus und Polizeistaaten.
Anstatt die Ursachen von Terrorismus und Fundamentalismus im Wachstum wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Kollaps wirtschaftlicher Demokratie durch die Sicherung der Grundbedürfnisse der Menschen und den Schutz ihres Lebensunterhalts anzugehen, bewaffnen sich Staaten auf der ganzen Welt mit Gesetzen, die es ihnen ermöglichen, Demokratie und Freiheit im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus abzuschaffen.
Sei es der "Patriot Act" in den USA, das "Gesetz zur Prävention des Terrorismus" in Indien oder der "Anti-Terrorism, Crime and Society Act" in Großbritannien - die neuen Gesetze, die nach dem 11. September geschaffen wurden sind nicht nur Gesetze gegen den Terrorismus, sondern auch Gesetze gegen die demokratische Verteidigung fundamentaler Freiheiten durch die Bürger, auf denen die Kräfte der Globalisierung herumtrampeln .
Angst und Gewalt sind derzeit die dominanten Formen menschlichen Ausdrucks. Herrschaft durch Angst und Gewalt wird zum dominanten Mechanismus von Regieren. In einer anderen Zeit wäre dies als der Aufstieg von Faschismus und Totalitarismus beschrieben worden, in dem sich der Totalitarismus der Kontrolle der Konzerne über die Märkte mit dem Totalitarismus militarisierter Staaten verbinden, die den Menschen ihre fundamentalen Rechte und Freiheiten rauben.

Die Ursachen des Terrorismus
Obwohl sie auf vielen Ebenen miteinander verwoben sind und sich gegenseitig unterstützen, konstruiert das dominante System die Ursachen des Terrorismus nicht als etwas in der ökonomischen Unsicherheit und der politischen Ausgrenzung oder wirtschaftlichen Globalisierung angelegtes, sondern als etwas von künstlich konstruierten isolierten Identitäten hervorgebrachtes. Diese kartesische Verwesentlichung ist doppelt bequem. Auf der einen Seite isoliert sie den Terrorismus von seinen Wurzeln, indem es ihn von seinem Kontext der durch die Globalisierung verursachten Unsicherheit und Ausgrenzung trennt. Andererseits erlaubt sie der Krankheit Globalisierung, sich als Kur gegen die Symptome des Terrorismus, die sie selbst hervorgebracht hat, zu verkaufen.
Allerdings wachsen extremistische Gewalt und religiöse Intoleranz mit der Ausbreitung der wirtschaftlichen Globalisierung, anstatt zu schwinden. Es ist hilfreich, innezuhalten und sich den Kontext anzuschauen, der Gewalt erzeugt, weil uns das helfen kann, Wege zu finden, eine Kultur der Gewaltfreiheit aufzubauen.
Gewalt und Gewaltfreiheit sind keine essentiellen Charakteristika oder Merkmale bestimmter Menschengruppen oder Kulturen. Sie sind Potentiale, die sich abhängig vom Kontext entwickeln: Genauso, wie die Quantenmessung die Beschaffenheit von Quanten beeinflusst, schaffen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Voraussetzungen für Gewalt und Gewaltfreiheit.
Das Jahr 2001 wird uns in Erinnerung bleiben als ein Jahr, in dem der Teufelkreis der Gewalt weltweit entfesselt wurde. Als das Jahr, in dem die Taliban die zweitausend Jahre alten Bilder des Friedens, die Buddhas von Bamiyan, bombardierten. Als das Jahr, in dem Terroristen am 11/9 das World Trade Center zerstörten und versuchten, am ersten Oktober die Versammlung von Jammu und Kaschmir in die Luft zu sprengen, sowie am 13. Dezember das indische Parlament. Als das Jahr, in dem eine globale Allianz zerbombte, was von Afghanistan nach zwei Jahrzehnten der Rivalitäten der Supermächte und des Bürgerkriegs noch übrig war. Als das Jahr, an dessen Ende Indien und Pakistan einen Krieg anzufangen drohten.
Aber auch vor dem 11. September gab es bereits Terrorismus. In den (19)80igern wurde der Punjab durch Extremismus destabilisiert. Der Bombenanschlag von Oklahoma wurde im Herzen Amerikas von Amerikanern verübt. Terroristen können nicht mit einer bestimmten Gruppe, Religion oder Ethnie identifiziert werden. Es gab Terroristen aus allen Religionen und Ethnien. Um den Terrorismus zu verstehen, müssen wir seine Ursachen verstehen.
Warum überflutet uns die Gewalt mit solcher Geschwindigkeit, solcher Totalität? Warum ist die Gewalt über alle Kulturen hinweg zum dominanten Merkmal der menschlichen Gattung geworden? Könnte die Gewalt, die die menschlichen Gesellschaften im neuen Jahrtausend charakterisiert, verbunden sein mit den gewaltsamen Strukturen und Institutionen, die wir geschaffen haben, um Gesellschaften zu Märkten und Menschen zu Konsumenten zu reduzieren?

 

Übersetzung: Heidi Niggemann, Jens-Peter Steffen

Vandana Shiva, Dr., ist Physikerin und Agrarwissenschaftlerin. Sie kämpft in Indien gegen die Abhängigkeit der Bauern von den großen Agrarkonzernen. Vor fünf Jahren gründete sie "Navdanya" - das erste Schulungszentrum für ökologischen Anbau. Ihr Ziel ist die Bekämpfung der zunehmenden Monokuluturen und der Erhalt der traditionellen Artenvielfalt.

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