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SF Tagesschau, 14.09.2008

Angst lähmt Iraks Kinder

Psychische Krankheiten nehmen zu

In der irakischen Bevölkerung, die seit über einem Vierteljahrhundert unter Kriegen oder kriegsähnlichen Zuständen leidet ist, sind psychische Krankheiten mittlerweile weit verbreitet. Insbesondere bei Kindern werden die seelischen Belastungen durch Gewalt und Alltagsstress immer deutlicher spürbar, erklärte der irakische Kinderarzt und Psychiater Fakhri Khalik in Berlin.

Allein im Grossraum der irakischen Hauptstadt Bagdad leben schätzungsweise rund 500´000 Heranwachsende, die psychische Hilfe benötigen, betonte der Mediziner während des Kongresses «Kultur des Friedens», der am Wochenende in der deutschen Hauptstadt gefunden hat. Im gesamten Land zwischen Euphrat und Tigris soll nach Khaliks Worten derzeit jeder vierte Minderjährige unter seelischen Störungen leiden.

Kaum Spezialärzte im Land

Möglichkeiten der Behandlung gebe es allerdings so gut wie nicht, fügt er im Gespräch mit SF Online hinzu. Denn im gesamten Land stehen nur etwa 70 Psychiater zur Verfügung, die zudem überwiegend als Militärärzte gearbeitet haben. Spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiater gebe es im gesamten Irak nicht - in einem Land, in dem «eine ganze Generation von Kindern von teilweise extremen Gewalterfahrungen geprägt» sei, ergänzt Khalik.

Der Kinderarzt, der selber in Bagdad geboren ist, praktiziert heute in Frankfurt am Main und hat zusammen mit Kollegen vor fünf Jahren den Verein «Children of Bagdad» gegründet. Ziel der Organisation ist es unter anderem, Psychiater aus dem Nahen Osten in der Behandlung von traumatisierten Kindern weiterzubilden.

Kinder glauben nicht an lebenswertes Leben

Darüber hinaus behandeln Khalik und seine Kollegen irakische Flüchtlingskinder, bei denen als häufigste Symptome Schlaflosigkeit, Angstzustände und Albträume feststellbar seien.

An ein «lebenswürdiges Leben» glaube die Hälfte dieser irakischen Kinder, die heute in seine Sprechstunden kommen, mittlerweile nicht mehr, fügt er hinzu. Die Gewalterfahrungen und fehlende Zuwendung durch Eltern und Verwandte mündeten letztlich in Symptome wie Anpassungsstörungen und eine eingeschränkte Fähigkeit zur Konzentration und Aufmerksamkeit.

Viele Kinder seien zudem schwer zu behandeln, da sie grundsätzlich eine misstrauische Haltung gegenüber der Welt der Erwachsenen insgesamt einnehmen, sogar gegenüber ihren Eltern. Diese Kinder seien oftmals introvertiert, entwickelten nicht selten eine tiefe Depression und blieben wortkarg. Dies sei umso schlimmer, weil es «das Schlimmste für ein Kind ist, keine Wörter für seine Gefühle zu finden», betont Khalik.

Konfrontation mit US-Soldaten als Urheber

Ausgelöst würden diese psychischen Krankheiten und seelischen Belastungen nicht selten durch Konfrontationen der Familie mit Militärs, insbesondere mit US-Soldaten.

Bei Armee-Razzien würde den Vätern, die in den Familien in aller Regel «Geborgenheit und Schutz» vermittelten, oftmals ein Sack über den Kopf gestülpt bevor man sie zwinge auf dem Boden niederzuknien. «Und in der gesamten Wohnung stehen während dieser Aktionen fremde Männer mit Gewehren herum und schreien», berichtet Khalik. Auf diese Weise büssten die Väter bei ihren Kindern ihre Rolle als Schutzpatron ein – mit verheerenden Folgen für die seelische Entwicklung.

Gewalterfahrungen dieser Art führten fast zwangsläufig zu tiefen seelischen Einschnitten bei vielen Kindern. Hinzu komme etwa der alltägliche Lärm tief fliegender US-Helikopter, der teilweise so massiv sei, dass viele Kinder unter der Dauerbelastung in Weinkrämpfe ausbrechen und von ihren Eltern regelmässig mit Medikamenten ruhig gestellt werden müssen, erklärt Khalik.

Minderjährige werden gefangen gehalten

Viele Familien seien zudem verarmt, nachdem Elternteile getötet oder entführt wurden. Den Kindern bleibe es dann nicht selten überlassen, für die restliche Familie zu sorgen.

Andere wiederum würden gezwungen an Gewaltaktionen teilzunehmen, berichtet Khalik. Unbestätigten Berichten zufolge sollen in Polizei- oder Militärgefängnissen rund 1500 Minderjährige gefangen gehalten werden, die nach Attentaten, Plünderungen oder Überfällen festgenommen worden seien. Ein Besuch bei diesen Inhaftierten sei nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen bisher nicht möglich, fügt der Mediziner hinzu.

Millionen von Blindgängern als weitere Gefahr

Für psychische Belastungen besonderer Art sorge zudem die Munition, die als gefährliches Überbleibsel der Irak-Kriege der letzten 25 Jahre, undetoniert im ganzen Land herumliege. Etwa 55 Millionen Streubomben sollen allein während des letzten Irak-Krieges abgeworfen worden sein, von denen viele nicht explodierten.

Diese Blindgänger machten das tägliche Leben junger Iraker zu einem Vabanque-Spiel, bei dem es immer wieder zu Todesopfern komme, weil Kinder nicht explodierte Bomben immer wieder als Spielzeug verwenden, erklärt Khalik weiter.

Mediziner und Ärzte verlassen das Land

Diesem gefährlichen Alltag sind seit 2006 bereits 850´000 Kinder und Jugendliche zusammen mit ihren Familien entflohen, berichtet der Arzt, der sich dabei auf Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF stützt.

Unter den Migranten seien nicht zuletzt viele Ärzte, Lehrer und Ingenieure gewesen, deren Exodus die soziale und medizinische Grundversorgung im gesamten Land grösstenteils zum Erliegen gebracht habe. So seien mittlerweile nur noch 60 Prozent aller irakischen Kinder gegen gefährliche Infektionskrankheiten geimpft, weil die notwendige medizinische Infrastruktur nicht mehr zur Verfügung stehe.

Kollektive Angst lähmt die Bevölkerung

Angesichts der vielfältigen Bedrohung der Lebensgrundlagen mache sich in der irakischen Bevölkerung mehr und mehr eine ängstliche Grundstimmung breit, sagt Khalik. Ein Umstand, der die «adäquate Entwicklung der Kinder» hemme und der die Bindungsfähigkeit in den Familien nachhaltig schädige. Auch die elterliche Kreativität und die emotionale Verfügbarkeit in den Familien werde durch diese Angst blockiert, urteilt der Kinderpsychologe und fährt fort: «Eine kollektive Angst lähmt die irakische Gesellschaft».


(sf/halp)

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