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Junge Welt, 16.09.2008

Tagung der Ärzte gegen Atomkrieg

Am Wochenende fand in Berlin der dritte IPPNW-Kongreß unter dem Motto »Kultur des Friedens« statt

Entgegen gängiger Propaganda stelle heute nicht der islamische Terrorismus die Hauptursache für neue Kriege dar, konstatierte Angelika Claußen, Vorsitzende der Organisation »Ärzte warnen vor dem Atomkrieg« (IPPNW), am Samstag in Berlin. Sie eröffnete so den dritten IPPNW-Kongreß, der bis Sonntag nachmittag unter dem Motto »Kultur des Friedens« stattfand, und nannte als wahre Kriegsursachen den internationalen Kampf um Ressourcen, die Verarmung großer Bevölkerungsteile durch die bestehende Weltwirtschaftsordnung, den Klimawandel sowie die Weiterverbreitung von Atomwaffen.

Entsprechend vielfältig war das Programm des Friedenskongresses. Neben klassischen Friedensthemen räumten die Veranstalter dem Thema Klima in den 30 Foren und Workshops besonderen Raum ein. Darüber hinaus berichtete Bernd Mesovic von Pro Asyl über die Todesopfer der europäischen Abschottungspolitik, und Rechtsanwalt Rolf Gössner legte dar, in welchem Maße Demokratie und Bürgerrechte seit den Anschlägen des 11. September 2001 beschnitten wurden. Horst-Eberhard Richter wies darauf hin, daß fast 90 Prozent der Menschen in diesem Land für eine atomwaffenfreie Welt plädierten: »Die Szenerie in Büchel, wo US-Atomwaffen lagern, macht es am augenfälligsten. Millionenfache Tötung wird bereitgehalten, aber kein Feind ist mehr in Sicht«, betonte der bekannte Psychoanalytiker.

Auch die aktuelle Situation im Irak beschäftigte die Kongreßteilnehmer. »Vor vier Jahren und drei Monaten verkündete George W. Bush, der Irak-Krieg sei nun erfolgreich beendet«, erinnerte der Ehrenvorsitzende von IPPNW, Ulrich Gottstein. Frieden und Freiheit seien in dem früheren Schurkenstaat eingekehrt, hieß es. Die Realität sei eine andere, so Gottstein. Das Land, einst eines der reichsten und gebildetsten der Region, versinke in Chaos, sagte der Irak-Kenner. Die Kriminalitätsrate sei ungebrochen hoch, und es mangele an Fachärzten. Diese hätten, wie viele Akademiker, aufgrund der fehlenden Sicherheit das Land verlassen. Der Kinder- und Jugendpsychiater Fakhri Khalik berichtete über stark traumatisierte Kinder und Jugendliche im Kriegsgebiet.

Ähnlich ergeht es Kindern und Jugendlichen in den besetzten Gebieten in Palästina. Um ihrer Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken, gründete Juliano Mer-Khamis gemeinsam mit seiner Mutter Arna in der Westbank das »Freedom Theatre«. Andere Ansätze boten der norwegische Friedensforscher Johan Galtung und der Politologe Mohssen Massarrat. Zur Lösung tiefgreifender Konflikte seien Vermittler und Dialog notwendig. Dabei sei es hilfreich, das Bild einer positiven Zukuft zu entwerfen, anstatt bei den schweren Traumata zu beginnen, so Galtung. Massarrat propagiert für den Nahen und Mittleren Osten eine Friedenskonferenz mit Vertretern dortiger Nichtregierungsorganisationen. Diese könne zum Beispiel von IPPNW und der juristischen Organisation IALANA initiiert werden.

Von Inge Wenzl

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