KULTUR DES FRIEDENS

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Sunday, 17. November 2019

###EXSPALTE###
Grußwort

Unsere Menschlichkeit wieder herstellen

Vortrag von Ronald McCoy

Es ist ein großes Privileg im Namen der Internationalen Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs, PPNW, zu Euch zu sprechen. Wir alle sind hier, weil wir dieselbe Vision einer friedlichen Welt teilen. Als Ärzte wissen wir, dass die Pest des Krieges weiterhin eine der größten Geißeln der Menschheit ist.

Dies wurde im 20. Jahrhundert, dem gewalttätigsten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, offensichtlich. 1945 wurde mit der totalen Zerstörung der Städte Hiroschima und Nagasaki durch jeweils nur eine Atombombe das Atomzeitalter eingeleitet. Dies war ein unbestraftes Kriegsverbrechen, das Ärzte dazu bewegte, die IPPNW zu gründen. Durch unsere zwei Gründungspräsidenten, Bernard Lown und Evgueni Chazov inspirierend geführt, wurde die Arbeit des IPPNW 1985 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. IPPNW-Deutschland ist bis heute eine der stärkten Mitgliedsorganisationen der IPPNW und ich möchte hier insbesondere Ulrich Gottstein erwähnen, der über Jahrzehnte eine zentrale Rolle in der atomaren Abrüstung und der Verhütung von Krieg gespielt hat.

Allerdings ist die nukleare Abrüstung mittlerweile praktisch zum Stillstand gekommen. Die Atomstaaten weigern sich, ihre Atomwaffen aufzugeben. Sie haben die Lehren des Kalten Krieges nicht gelernt, als die atomare Konfrontation bei mehr als einer Gelegenheit beinahe in der atomaren Katastrophe endete.

Die Geschichte des Kalten Krieges zeigt, wie rationale Politiker, militärische Führer, Planer und Strategen eingeschlossen waren in einem wahnsinnigen Prozess des ‚overkill' und selbst das mögliche Ergebnis der ‚gegenseitig zugesicherten Zerstörung' in Kauf nahmen. Über ein halbes Jahrhundert waren mächtige, moderne, von intelligenten Führern geleitete Staaten nicht in der Lage, aus dieser Geisteshaltung auszubrechen. Wenn es diesem Paradigma erlaubt wird, sich im ungeordneten 21. Jahrhundert fortzusetzen, wo die wahllose Gewalt des Terrorismus mit dem Djungel-Schrei des ‚Krieges gegen den Terror' beantwortet wird, könnte es endgültig zu spät sein, die nukleare Katastrophe zu verhindern, der die Welt während des Kalten Krieges nur mit äußerstem Glück entkommen ist.

Unter den Staaten mit Atomwaffen sticht die USA als das größte Hindernis für die Abschaffung von Atomwaffen hervor. In der neuen Atompolitik der Vereinigten Staaten sind Atomwaffen nicht mehr länger nur Waffen der Abschreckung, sondern können jetzt in konventionellen Kriegen als Antwort auf biologische und chemische Angriffe eingesetzt werden. Die USA entwickeln weiterhin neue Atomwaffen und behalten sich das Recht vor, ohne Rechenschaftspflicht gegenüber über-nationalen Institutionen wie der UNO oder dem Internationalen Gerichtshof, gegen jedes Land Präventivkriege führen zu können und eine ‚full sectrum' Vorherrschaft auf dem Land, zur See, in der Luft, im Weltall und im Cyberspace zu behalten. Dies ist eine moralische Regression, die Herrschaft der Gesetze des Djungels, die die Türen öffnet für eine neue Barbarei, wie sie seit den Tagen von Djingis Khan nicht gesehen wurde.

Entwicklungen bei Waffen, militärischen Positionen und Strategien deuten darauf hin, dass sich jetzt ein westlich orientiertes Weltsystem in einer unipolaren Welt etabliert, in der ein Hegemonialstaat dominant ist. In einer Welt von ungleichen Nationalstaaten, wo Sicherheitsdilemmas oft aus der Unberechenbarkeit staatlicher Intentionen entstehen, sind Hegemonien und Allianzen oft das Ergebnis der Bemühung, Sicherheit zu erreichen, sei es in einer nuklearen oder nicht-nuklearen Umgebung. Hegemonien entstehen, wo es genau definierte Hierarchien gibt, die auf der asymmetrischen Verteilung von Ressourcen beruhen. Die Hegemoniemacht ist führend, weil sie reicher und technologisch fortgeschrittener ist und weil sie über eine militärische Überlegenheit verfügt, die kein anderer Staat erfolgreich herausfordern kann. Die Hegemoniemacht sichert sich den einfachen Zugang zu strategischen Ressourcen indem sie ihre wirtschaftliche und politische Dominanz mittels militärischer Rückendeckung bewahrt.

Diese Hegemonie ist nicht nur ethisch falsch, sondern auch nicht aufrechtzuerhalten in einer Welt, in der die wachsende Kluft zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit erzeugen und die Samen für zukünftige Konflikte und Kriege legen wird. In dieser Umwelt sind chemische und biologische Waffen zu den ‚Atomwaffen der Armen' geworden und werden als ‚force-equalizers' dienen.

Seit dem 11. September haben chemische und biologische Waffen eine neue Bedeutung und Gefahr erhalten, da sie in die Hände von Terroristen fallen könnten. Dieser Bedrohung kann am besten begegnet werden, indem mit dem doppelten Standards und der Heuchelei Schluss gemacht und sicher gestellt wird, dass die Elimination aller Massenvernichtungswaffen für alle Staaten verbindlich ist, einschließlich Israels und der USA. Die internationale Gemeinschaft muss diese Verpflichtung übernehmen, um die Welt zu befähigen, ihre Angelegenheiten ohne Massenvernichtungswaffen zu regeln. Es ist unserer Menschlichkeit und Zivilisation unwürdig, Sicherheit auf den Gebrauch von Massenvernichtungswaffen aufzubauen.

Jeder Versuch, nicht-staatlichen Terrorismus gewaltsam zu unterdrücken, ohne zunächst seine Ursachen anzugehen, wird nicht nur fehlschlagen, sondern Instabilität und politische Gewalt verlängern. Wie die mächtigsten Elitestaaten der Welt versuchen werden, die Kontrolle über eine unsichere Welt aufrecht zu erhalten, wird die internationalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts determinieren und den Unterschied zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit ausmachen. Um globale Stabilität wieder herzustellen, müssen die westlichen Eliten ihr Denken, ihre Haltung und ihre Sicherheits- und Wirtschaftspolitik ändern, so dass die sozioökonomische Polarisierung überwunden werden kann. Ein alternatives Sicherheitsparadigma, basierend auf internationalem Recht, menschlicher Sicherheit, sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und gewaltfreier Konfliktbewältigung muss etabliert werden.

Bei der Entwicklung einer Kultur des Friedens muss die internationale Gemeinschaft erkennen, dass sie darin versagt hat, Institutionen aufzubauen, die den Frieden sichern. Sie muss sich selbst zu einer globalen Veränderung der Werte, der Haltungen und des Verhaltens verpflichten - von einer Kultur des Krieges und der Gewalt hin zu einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit. Unser zukünftiges Überleben als eine zivilisierte Gattung könnte sehr wohl von unserer Bereitschaft und Fähigkeit abhängen, uns anzupassen und neue Verhaltensweisen zu erlernen in einer interdependenten Welt mit begrenzten Umweltressourcen. Die Konkurrenz zwischen verschieden Bevölkerungsgruppen muss dafür weitgehend durch Kooperation und einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil ersetzt werden.

Kultur dreht sich darum, wie wir unser Leben leben - wie wir denken, sprechen und uns verhalten. Wenn wir all dies mit positiven Werten tun, dann beginnen wir, eine Kultur des Friedens zu leben. Eine gerechte und friedliche Gesellschaft muss ihre Wurzeln in einem tiefen Mitgefühl für die Armen und Unterdrückten haben, gleichgültig, welcher ethnischen Zugehörigkeit oder Religion sie sind. Dieses Mitgefühl sollte sich ebenfalls auf unsere Umwelt erstrecken. Wir müssen diesen Planeten bewahren, verantwortungsbewusstes Konsumverhalten fördern und eine ökologisch nachhaltige Entwicklung sichern. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Kräfte der Globalisierung gegen dieses Mitgefühl und gegen das Konzept der gegenseitigen Abhängigkeit arbeiten.

Wir müssen das Leben und die Würde jedes Menschen ohne Diskriminierung und Vorurteile respektieren. Wir müssen alle Formen der Gewalt ablehnen und Gewaltfreiheit praktizieren. Wir müssen Zeit- und materielle Ressourcen mit anderen teilen. Wir müssen die Redefreiheit und die kulturelle Diversität verteidigen und zuhören, um andere zu verstehen. Wir müssen demokratische Prinzipien respektieren und die Solidarität der Gemeinschaft wiederentdecken.

Es gibt zwei Haupthürden, die zur Wiederherstellung unserer Menschlichkeit in dieser tief gespaltenen Welt überwunden werden müssen. Das erste und substantiellste Hindernis ist, dass die notwendige Antwort nicht umhin kommen wird, dem Reichtum und der Macht der Elitenminderheit durch radikale politische und wirtschaftliche Veränderungen beträchtliche Grenzen zu setzen. Das zweite Hindernis ist, dass das Denken und der Diskurs der dominanten westlichen Eliten ethnozentristisch und konservativ ist, und dass sie unfähig zu sein scheinen, über ihre engen Eigeninteressen hinaus zu kommen.

Unsere komplexe und vernarbte Welt schreit nach einer visionären Führung, nach einer Reetablierung moralischer und ethischer Werte, und nach der Hingabe an Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und die Herrschaft gerechter Gesetze. An qualitativer Führung mangelt es jedoch auf allen Ebenen, einschließlich der der Regierungen. Die Zivilgesellschaft muss sich daher aktiver in die Weltangelegenheiten einmischen und ihre Visionen, ihre Ideale und ihre Verpflichtungen auf die Bühne der Welt bringen. Ohne eine neue globale Ethik kann es keinen Frieden und keine gerechte neue Weltordnung geben.

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